Anthroposophie – Für und Wider

Ich werde immer mal wieder als Anthroposoph bezeichnet. Das nehme ich zum Anlass hier einige Dinge klarzustellen: Ich bin weder noch war ich jemals ein Anthroposoph oder „Steiner-Verehrer“. Ein Anthroposoph sollte Mitglied in einer anthroposophischen Organisation sein, der Anthroposophischen Gesellschaft zum Beispiel. Oder er sollte das Weltbild und die spirituellen Lehren Steiners annehmen und bejahen. Beides ist bei mir nicht der Fall. Als ich mir als Kind vor Schuleintritt drei Schulen anschaute, eine staatliche, eine Montessori- und eine Waldorfschule in Potsdam, überzeugte mich die Montessorischule, die staatliche war grobschlächtig, die Waldorfschule mir zu hölzern und strickmusterhaft.

Nach meinem Abitur besuchte ich 2010 eine Konferenz, die von ehemaligen Waldorfschülern ausgerichtet wurde, das Youth Future Project. Daraus entwickelte sich das Jugendnetzwerk des Alternativen Nobelpreises (Right Livelihood Award). Über diesen Kreis lernte ich viele anthroposophisch geprägte junge Menschen, Organisationen und Stiftungen kennen. Dieses Netzwerk verstetigte sich über die Jahre, sodass ich später viele Kunden hatte, die diesen Einschlag hatten. Beim Kongress „Soziale Zukunft“ bestand meine Aufgabe darin, nicht anthroposophische Organisationen, die aber inhaltlich zu Ökologie, alternativem Wirtschaften und sozialer Gerechtigkeit arbeiteten, zur Mitwirkung beim Kongress zu bewegen. Das klappte sehr gut und wir hatten am Ende unter anderem die Böll Stiftung NRW, Cradle to Cradle, das Wuppertal Institut, sowie die taz, Correctiv und Perspective Daily mit als Partner dabei. So habe ich auch immer mein Wirken in der Szene gesehen: Brücken bauen zu Akteuren, die in einem ähnlichen Geist arbeiten. Als in Corona-Zeiten ein Großteil meiner Aufträge als Selbstständiger wegbrach, war es die über 100 Jahre aufgebaute Struktur anthroposophischer Organisationen, die mir Aufträge und einen Job gab – dafür war ich dankbar! Und hier liegt noch ein Punkt: als Philosoph hat man in der Anthro-Szene den Status eines Zahnarztes oder Anwalts in der modernen Gesellschaft. Der Geist und das Denken werden wirklich sehr gewertschätzt und auch honoriert – dem konnte ich einfach nicht widerstehen!

Die Pionierleistungen vieler anthroposophischer Organisationen in vielen Bereichen sind bahnbrechend gewesen, mögen sie auch eine Prise der Moderne Unverdauliches beigemischt haben. Vieles von dem, was Steiner und andere ihm nachfolgende Menschen geschrieben haben, halte ich für Spiritismus mit etwas zu viel Evidenzsimulation. Dennoch sind selbst in erkenntnistheoretisch unsauberen Texten oft sehr inspirierende und irritierende Gedanken zu finden, die man als Heuristiken für wissenschaftliche Erkenntnisse und zur Thesenfindung gut nutzen kann. Sie als Geisteswissenschaften zu bezeichnen, halte ich für methodische Selbstüberschätzung. Mein größter Kritikpunkt an der Anthro-Szene und ihren Geistern ist ihr patriarchales Erbe: Dogmatismus siegt oft über das so hochgelobte Denken. „So ist es und ihr müsst es einsehen“ ist der Grundgestus vieler Anthroposophen und von Steiner selbst. Das treibt mitunter aberwitzige Blüten in Hierarchien, Unternehmen und am Goetheanum selbst.

Neben sehr intelligenten Kritikern der Anthroposophie wie Ansgar Martins (der übrigens selbst lange bei info3 war) oder gerade noch Helmut Zander gibt es auch populistische Kritiker wie Oliver Rautenberg, den Anthro-Blogger. Letztere haben überhaupt nicht den kühlen Kopf, den es braucht, um eine Materie wirklich kritisieren zu können – sie hauen nur drauf. So ein Kritiker will ich nicht sein, wenn ich sage: nennt mich um Himmels willen keinen Anthroposophen mehr!

Für info3 hatte ich einmal einen Text dazu verfasst, aus dem ich mit einem Auszug schließen möchte:

„Im Positiven steht Anthroposophie für mich für staunende Verehrung gegenüber allem Lebendigen, Menschlichen und Geistigen. Aber da ist auch all das für mich Befremdliche: Viel zu klobige Holzmöbel, erdrückende Raum- und Sozial-Atmosphären in anthroposophischen Einrichtungen, spirituelles Bypassing – also spirituelle Rechtfertigung von Ausbeutung, Intransparenz und patriarchaler Führung. Hinzu kommt ein allzu schnelles Bejubeln von antimodernistischen Elementen und eine ziemlich präsente Technik- und Digitalisierungsfeindlichkeit. Eine Frau wollte mir auf einer Goetheanum-Konferenz mal die Vorzüge von Telepathie gegenüber digitaler Kommunikation schmackhaft machen. Will ich damit wirklich identifiziert werden und ist das überhaupt anthroposophisch? Andererseits mehren sich in den letzten Monaten die Berichte, welche die Anthroposophie durchweg negativ beurteilen und ihr jegliches Positive absprechen. Das wird ihr auch keineswegs gerecht!“

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